Nießen Lesung

Erkelenz. Jörg Nießen schaut mit musterndem Blick über die Menschen. Passt! Der Berufsfeuerwehrmann und Rettungssanitäter ist zufrieden. Bei einem Notfall würde er ohne Mühe zum Einsatzort gelangen, obwohl der Saal bis auf den letzten Platz gefüllt ist. Allerdings ist Nießen nicht in seiner Funktion als Rettungssanitäter gekommen, sondern als Buchautor. Auf Einladung der Raiffeisenbank Erkelenz liest er im proppenvollen Veranstaltungsraum der Bank in Lövenich aus seinem neuesten Buch „Rettungsgasse ist kein Straßenname“. Marketingleiter Thomas Brockers hat die Veranstaltung im Rahmen der Reihe „Kultur in der Bank“ organisiert und setzt mit der Lesung des Mannes aus Hetzerath nahtlos die Erfolgsgeschichte der Reihe fort. Auch diese Veranstaltung ist restlos ausverkauft. In seiner Begrüßung erinnerte Brockers an die Anfänge von Nießens literarischen Schaffen. Der Freude, seine Erlebnisse als Notfallsanitäter „in einer großen Stadt am Rhein mit Dom“ zwischen Buchdeckeln verpackt präsentieren zu können, wurde bald zur Verblüffung und dann zu einer Erfolgsgeschichte sondergleichen. 2000, vielleicht 3000 Exemplare werden man wohl verkaufen können, meinte der Herausgeber von „Schauen Sie sich mal diese Sauerei an“. Schlussendlich wurden daraus rund 150.000 Exemplare, die Nießen zum Bestsellerautor machten und zum Schreiben weiterer Bücherei animierten.

Im launigen Plauderton informiert der Rettungssanitäter die Leser und jetzt auch die Zuhörer in der Raiffeisenbank Erkelenz über seine Erlebnisse bei zum Teil dramatischen, zum Teil skurrilen, zum Teil unglaubwürdigen, aber doch wahren Einsätzen. „Es ist nicht alles bierernst gemeint“, versichert der bald 45-Jährige. Auch wolle er nicht mit erhobenem Zeigefinger belehren. Er wolle den Blick hinter die Kulissen des Rettungsdienstes ermöglichen, wobei bisweilen dem Zuhörer das Lachen im Halse stecken bleibt, wenn die scheinbar so lustige Schilderung eines Einsatzes urplötzlich eine tragische Kehrtwendung erlebt. Immer an der Seite von Nießen ist bei seinen Einsätzen sein fiktiver Kumpel Hein, der als Stichwortgeber oder Kommentator fungiert. Lustig hört es sich an, wenn bei der Fahrt durch eine Rettungsgasse auf der Autobahn vor dem Rettungswagen in der Gasse ein Autofahrer mit Tempo 30 schleicht oder sich ein Fahrer beschwert, weil er wegen des Einsatzwagens warten muss. Die ausgelassene Heiterkeit schlägt in Entsetzen um, wenn wegen des Schleichers die Einsatzkräfte eine Minute zu spät zum Notfallort kommen und das Opfer wegen der Verspätung verstorben ist. Fassungslosigkeit macht sich breit, wenn Nießen zunächst humorvoll von einem Einsatz in einem Sterne-Restaurant spricht, bei dem sich die speisenden Gäste beschweren, dass der Sanitäter vor ihren Augen eine Reanimation vornimmt und dann empört sind, dass sie durch den Transport einer Leiche bei ihrem Gaumenschmaus gestört werden.

Durchaus unterhaltsam und kurzweilig war der Abend mit Jörg Nießen in der Raiffeisenbank Erkelenz. Die Zuhörer hatten viel zu lachen und gingen dennoch mit einem beklemmenden Gefühl, dass vielleicht auch sie nicht immer richtig reagiert haben, wenn ein Rettungswagen auf dem Weg zu einem Einsatz war. Nach der Lesung wissen sie, was sie dann zu tun haben: Die links Fahrenden quetschen sich zur Bildung einer Rettungsgasse nach links, alle anderen nach rechts.

Brockers dankte nicht nur Nießen für den gelungenen und lehrreichen Abend, sondern wies auch auf die nächste Veranstaltung im Rahmen von „Kultur in der Bank“ hin. Am Donnerstag, 19. September, gastiert der irische Sänger und Liedermacher Martin Hutchinson in Lövenich.